Das Kraftfahrtbundesamt hat Tesla aufgefordert, sein System nicht mehr „Autopilot“ zu nennen, da es sich lediglich um ein Assistenzsystem handle. An wann ist ein selbstfahrendes Auto überhaupt ein solches?
Jeder versteht unter dem Begriff „selbstfahrendes Auto“ etwas anderes. Für die einen fährt jedes Auto von selbst – denn Muskelkraft wird ja nicht benötigt. Für war schon die Automatik der erste Schritt in Richtung Automatisierung. In Fachkreisen unterscheidet man deshalb heute zwischen teil-, hoch- und vollautomatisiertem fahren auf der einen Seite und dem autonomen Fahren auf der anderen Seite. Erst beim autonomen Fahren handelt es sich dann wirklich um Fahrzeuge, bei denen alle Fahrfunktionen so verknüpft sind, dass das Fahrzeug wirklich ohne Pilot – also ohne Fahrer – fahren und lenken kann. Am Begriff „Autopilot“ hingegen reiben sich die Experten, denn die meisten Leute denken da wohl an ein wirklich selbstfahrendes Fahrzeug: Einsteigen – Ziel eingeben – ankommen. Tatsächlich handelt es sich beim Autopiloten von Tesla aber um eine noch sehr einfache Verknüpfung verschiedener Assistenzsysteme und eben nicht um ein selbstfahrendes Fahrzeug. Tesla beschreibt das zwar, aber wir wissen mittlerweile eben auch, dass kaum ein Autofahrer wirklich ins Handbuch seines Autos schaut, wenn er nicht ein Problem hat. Wer jedoch „Autopilot“ liest, rechnet eben nicht unbedingt damit, dass der Tesla-Autopilot eines der wichtigsten Verkehrszeichen gar nicht erkennt – die Ampel.
Mit zunehmender Sicherheitstechnik wird das Fahren sicherer, aber zugleich wird die Technik für den Fahrer immer unberechenbarer. Bis zu welchem Grad ist mehr Technik aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Ohne technischen Fortschritt würden wir immer noch auf Pferden sitzen und unser persönliches Universum wäre nur ein paar Quadratkilometer groß. Sie sehen: Wir können uns glücklich schätzen, dass wir heute in einer so modernen und mobilen Welt leben. Die Sicherheitstechnik wird auch in Zukunft weiter immense Fortschritte machen. Im 22. Jahrhundert wird man sich dann nicht mehr vorstellen können, dass heute allein in Deutschland jedes Jahr über 3.000 Menschen im Straßenverkehr sterben. Gurt, Airbag, ABS, ESP und Knautschzone haben die Zahl der Unfalltoten zwar dramatisch reduziert – aber von unserem Ziel, dass im Verkehr keiner mehr ums Leben kommt, sind wir leider noch weit entfernt. Mehr Sicherheitstechnik ist also sinnvoll, leider investieren Verbraucher lieber in Komfort als in Technik. Klar ist aber auch: Egal wie fortgeschritten die Technik ist, Fehler können immer passieren und dann ist der Hersteller der Technik verantwortlich. Zumindest so lange wie diese nicht manipuliert oder bewusst falsch eingesetzt wird.
Sicherheitsgurte sind Pflicht. Wie viel Sicherheitstechnik sollte gesetzlich vorgeschrieben werden?
Sicherheitstechnologie entwickelt sich stetig fort. Während Forscher das Interesse haben, neue Technologien bis zur Serienreife voranzutreiben, scheuen die Hersteller die Kosten für den serienmäßigen Einsatz. Bestes Beispiel: Das elektronische Stabilitätsprogramm ESP. Es war schon Mitte der Neunziger Jahre serienreif. Aber gerade in Kleinwagen wurde das so essentielle System nicht eingebaut, weil die Hersteller lieber auf ihre Marge geachtet haben und weniger auf die Sicherheit. Erst 2014 – also fast 20 Jahre nach der Serienreife – wurde es zur Pflicht: Das ist nur ein Beispiel dafür, dass weltweit unzählige Menschen ums Leben gekommen sind, weil vorhandene Technik nicht eingebaut wurde. Dies gilt es zu verhindern. Eine Zulassung ohne neueste Sicherheitstechnik ist dann nicht möglich. Im nächsten Schritt sollten das aus unserer Sicht automatische Notbremssysteme sein. In weiter entfernter Zukunft wird sich dann die Frage stellen, ob man überhaupt noch selbst Auto fahren darf. Dafür müssen die Systeme beweisen, dass sie sicherer als der Mensch sind. Das steht nicht morgen an, aber meine Generation wird diese Diskussion sicherlich noch erleben.
In Deutschland scheinen viele Autofahrer Automatik-Lösungen skeptisch gegenüberzustehen, selbst die Kupplung wird im Unterschied zu anderen Ländern regelmäßig selbst bedient. Wie wirken sich derartige mentale Unterschiede auf die Zukunft des Autos aus?
Da entwickeln sich die Märkte in der Tat vollkommen unterschiedlich. Es gibt Länder, in denen Autos und Technik einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland haben. Für autonome Fahrzeuge wird eine lückenlose Highspeed-Internetanbindung benötigt. Da hinkt Deutschland aktuell schon hinterher. Autonome Fahrzeuge werden also vor allem dort umgesetzt, wo man neuen Technologien offen gegenübersteht, also beispielsweise in den USA. Aber auch in Asien sieht man in der Digitalisierung die Zukunft. Es kann also durchaus sein, dass China uns beim selbstfahrenden Auto überholt. Wenn nicht in der Forschung, dann vielleicht im Einsatz. Entsprechend ist die Politik gefordert, die Grundlagen zu schaffen, damit Deutschland bei diesem Thema mit am Ball bleiben kann.



