MEINUNGSBAROMETER.INFO

DIGITALISIERUNG

DAS FACHDEBATTENPORTAL

Für Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Medien & Gesellschaft


schliessen

Bitte hier einloggen:

Login

Passwort vergessen?
 
04.10.2026
Kopieren und anderweitige Vervielfältigungen sind nicht erlaubt.

RADLOBBY FÜR POLITISCHE STEUERUNG DES VERKEHRS

Wie Stadtverkehr organisiert sein sollte

Mag. Alec Hager ist Sprecher der Radlobby Österreich und Koordinator der Unternehmerplattform "Radkompetenz Österreich"

Mag. Alec Hager ist Sprecher der Radlobby Österreich und Koordinator der Unternehmerplattform "Radkompetenz Österreich" [Quelle: Radlobby Österreich]


Die Radlobby Österreich beklagt, dass "die Hälfte der Autofahrten kürzer als 5 km sind und aller meistens in einem Auto nur eine Person fährt". Sprecher Alec Hager sagt, wie städtischer Verkehr in Zukunft aussehen sollte.


Auto, Motorroller, ÖPNV, Fahrrad - welcher Mix ist der richtige für die Stadt der Zukunft?
Schon für die Stadt der Gegenwart ist ausschlaggebend, ob Menschen ihre Mobilitätsentscheidungen - also: welches Verkehrsmittel wähle ich für den aktuellen Zweck? - bewusst und passend treffen, und ob ihnen die passende Auswahl komfortabel zur Verfügung steht. Letzteres bedeutet: Ist für mich eine nahe Haltestelle eines öffentlichen Verkehrsmittels erreichbar, ist der Verkehrsmitteltakt und die weitere Anbindung die richtige? Habe ich einen Radabstellraum in Wohnhaus und Firma und dazwischen eine sichere Radstrecke auf guten Radwegen oder verkehrsberuhigten Straßen? Gibt es genug Radabstellanlagen vorm Einkaufszentrum? Oder ist doch das Auto die komfortabelste Wahl, weil es eben näher parkt als der ÖPNV, weil der Zielort ein Parkhaus hat und die Strecke dazwischen nicht real kostet, was ein Autokilometer angesichts der Umwelt- und Gesundheitsschäden kosten müsste, die er verursacht?

Letzteres ist - neben einer gesellschaftlich gelernten Affinität zum Kfz - der Grund, warum immer noch ca. die Hälfte der Autofahrten kürzer als 5 km sind und aller meistens in einem Auto nur eine Person fährt. Beides ist rational gesehen eine vollkommen ineffiziente Nutzung von wichtigen Ressourcen: Platz, Energie, Zeit, Geld werden vergeudet. Das heißt, dass eine effiziente, smarte Stadt der Zukunft in diese Entscheidungen politisch eingreifen muss und den Menschen ein gutes ÖPNV-Netz sowie perfekte, sichere Radinfrastruktur zur Verfügung stellen muss, ergänzt durch Sharing-Modelle. Denn in den wenigen Fällen, wo es sinnvoll oder unumgänglich ist, große Kraftfahrzeuge zu nutzen - also beim Transport von größeren Lasten oder inmobilen Menschen - sollte natürlich ein Kfz verfügbar sein, ohne dass man es besitzen muss. Das braucht natürlich auch Raumumverteilung zugunsten des Radverkehrs. Ein wichtiges Zukunftsthema ist auch der vermehrte Umstieg auf Transportfahrräder mit Elektro-Zusatzantrieb, die bis zur Hälfte des jetzigen innerstädtischen Güterverkehrs übernehmen könnten (siehe EU-Projekt Cycle Logistics).

Bike-Sharing, Car-Sharing – wie können neue flexible Modelle den Verkehrsmix in Städten verändern?
Wir wissen, dass individuelle Kfz in Städten die allermeiste Zeit ungenutzt stehen, also sinnlos Platz verbrauchen und den Besitzer Geld kosten. Da bieten Car-Sharing-Modelle sowohl persönliche Abhilfe - wenn ich ein Auto brauche, borge ich es unkompliziert aus - als auch eine Entlastung für die Allgemeinheit. Bike-Sharing, also öffentliche Verleihsysteme wie das Wiener Citybike, kann bei den täglichen Wegeketten einen Bestandteil des ÖPNV-Netzes darstellen, das flexibel macht und auch den ÖPNV entlastet. Gerade der intermodale Mix mit einer Kombination von Zug, Bus, Straßenbahn und "Public Bike" ist die effizienteste und umweltschonendste Form der Mobilität, die auch noch dazu Kosten spart. Wien zeigt mit dem 365€-Jahresticket für die Wiener Linien und der Gratisnutzung des Citybikes, dass Mobilität um einen Euro pro Tag möglich ist.

In einzelnen Städten gibt es Versuche mittels Smartphone-Apps den Fahrrad-Verkehr bei der Ampel-Schaltung zu privilegieren. Wie bewerten Sie diese Versuche?
Ampelschaltungen sind ein sehr wichtiger Faktor bezüglich Flüssigkeit und Attraktivität des Fahrradverkehrs, und diese Faktoren bestimmen wiederum darüber, ob Menschen gerne Fahrrad fahren. Eine hoher Radverkehrsanteil macht wiederum Städte leiser, sauberer, gesünder und sozialer. Wenn man also die politische Entscheidung trifft, Radverkehr zu attraktivieren, aber gleichzeitig die Ampelphasen auf Kfz-Geschwindigkeiten abgestimmt bleiben, widerspricht sich das. Grüne Wellen für Radverkehr wie z. B. in Kopenhagen sind eine seltene Möglichkeit zur Abhilfe, eine weiter verbreitete sind Voranmeldeampeln, die Rad fahrende über Radar oder Bodensensoren erkennen und zeitgerecht die Ampel für den Rad fahrenden auf Grün schalten (in Abstimmung mit den Ampeldurchlaufzeiten). Diese Methode ist schon vielerorts im Einsatz. Sie hat gegenüber Apps den Vorteil, dass dazu keine eigene Ausstattung bei den RadfahrerInnen nötig ist - zum Unterschied von Apps, die ja ein Smartphone und die Installation einer App voraussetzen - und dadurch sind diese Voranmeldesysteme jedenfalls praktischer und für alle VerkehrsteilnehmerInnen gleichermaßen wirksam.